Sports, Medicine and Health Summit | 22. - 24. Juni 2023 I CCH Hamburg
Die andere Art von Heimvorteil

Wie wirkt sich das Reisen zu Auswärtsspielen oder Wettkämpfen auf Sportler*innen aus?

Viele Menschen müssen für die Arbeit oder um zur Arbeit zu kommen reisen: Einige Arbeitnehmer*innen pendeln täglich, andere fahren gelegentlich auf Businessreisen tausende Kilometer. Das Reisen gehört für Viele zur Arbeit dazu, so stellt es auch für Spitzensportler*innen einen wesentlichen Teil ihrer Tätigkeit dar.

Je nach Sportart und Spiel- oder Wettkampfplan müssen die Athlet*innen für ihren Sport nicht nur weit, sondern auch häufig reisen. Das viele Reisen hat dementsprechend beachtliche Auswirkungen auf die Athlet*innen. So können u.a. die Leistung, Motivation sowie das physische und psychische Wohlbefinden betroffen sein. Die wenigen Studien zu diesem Thema verdeutlichen einen dringenden Forschungsbedarf. Erste Ergebnisse deuten aber auf eine erhebliche Belastung der Athlet*innen durch das Reisen hin.

Auwärtsspiel

Heimvorteil & Leistung

Das Phänomen des Heimvorteils ist intensiv beforscht. Ein Effekt des Heimvorteils konnte in vielen Teamsportarten mehrfach nachgewiesen werden. Jedoch lag der Fokus der Heimvorteils-Forschung bisher eher auf Faktoren, wie z.B. der gewohnten Umgebung und den heimischen Fans. Das Reisen zu den Auswärtsspielen fand bisher noch kaum Beachtung, kann aber zu dem Heimvorteil beitragen. Die auswärtige Mannschaft reiste beispielsweise schon 8 - 10 Stunden mit dem Bus an, konnte sich wenig bewegen, die Spieltagsroutine ist gestört und auch die Ernährung auf Reisen kann nicht wie gewohnt erfolgen.

Erste Studien beziehen auch die negativen Effekte von Reisen auf den Heimvorteil ein. 

So konnte eine Studie zeigen, dass abhängig vom Kontinent und der Reisedistanz sowie der Anzahl der überquerten Zeitzonen das Reisen einen signifikanten Einfluss auf die Leistung der Spieler*innen hat (Goumas, 2014).

Eine aktuelle Studie von Nils Beckmann (2021) beschäftigt sich auch mit dem Einfluss der Reisedistanz auf den Heimvorteil. Über einen Zeitraum von 57 Jahren wurde die deutsche Fußball-Bundesliga auf einen von der Reisedistanz abhängigen Heimvorteil untersucht. Ein Zusammenhang zwischen Reisedistanz und Heimvorteil zeigte sich eindeutig. Jedoch scheint der Einfluss der Reisedistanz auf den Heimvorteil in den letzten Jahren abgenommen zu haben. Dafür werden mehrere Erklärungsvorschläge gemacht, wie z.B. verbesserte Reisebedingungen, mehr auswärtige Fans oder eine größere Professionalisierung des Sports.

Reisemüdigkeit & Wohlbefinden

Die sportliche Leistung ist nicht die einzige Komponente im Leistungssport, die entscheidend ist für langfristig erfolgreiche Athlet*innen. Die physische und psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Sportler*innen spielen eine grundlegende Rolle und wirken sich letztlich auch auf die individuelle und die Team-Performance aus.

Das hochfrequente und zeitintensive Reisen der Sportler*innen scheint darüber hinaus zu Reisemüdigkeit und Einschränkungen der Gesundheit und des Wohlbefindens zu führen. Die Forschungsgruppe um Calleja-González und Kolleg*innen (2020) beleuchtete diese Problematik in einem Artikel: „What are we doing wrong when athletes report higher levels of fatigue from traveling than from training or competition?“

Erschöpfter Sportler

Sie berichten davon, dass Athlet*innen zum Teil eine höhere Belastung durch die gestiegenen Reiseanforderungen erfahren als durch die gewöhnliche Trainings- und Wettkampfbeanspruchung. Um die Reisemüdigkeit (engl. travel fatigue) zu verringern, schlagen die Autor*innen u.a. vor, die Athlet*innenbelastung stärker zu überwachen und besser zu steuern sowie Ernährungsprogramme und Regenerationsmethoden einzuführen. Auch entsprechende effektive Schlafpraktiken und Unterstützung seien dafür sehr wichtig. Ein weiterer Aspekt der Reiseproblematik besteht zudem darin, dass bisher noch keine geeigneten Messmethoden für Reisemüdigkeit existieren. Daher gibt es auch noch keine effektiven Interventionen, die im Sport eingesetzt werden können und auf theoretischem Wissen basieren.

Eine Studie untersuchte den Einfluss von Kurzstreckenflügen im Vergleich zu Langstreckenflügen auf das Wohlbefinden und den Schlaf von Rollstuhlbasketballspieler*innen (Thornton et al., 2018). Dazu wurden Aktigraphiemessgeräte verwendet und mit Fragebögen zu Jetlag, Müdigkeit (faitgue) und Vitalität/Energie (vigor) kombiniert. Die Athlet*innen empfanden bei Langstreckenflügen während des Wettkampfs stärkeren Jetlag, vermehrte Müdigkeit sowie weniger Vitalität/Energie und sie standen signifikant früher auf. Dies bedeutet, dass größere Entfernungen mit dem Flugzeug eine größere Auswirkung auf die subjektive Bewertung von Jetlag, Müdigkeit und Vitalität hatten. Weniger groß war dahingegen der Einfluss auf den Schlaf. Unabhängig von der Reiseart waren der Schlaf und die subjektiven Beanspruchung durch Reiseanforderungen, wettbewerbsbedingte Einflüsse und/oder eine Veränderung der Umgebung.

Die bisherigen Erkenntnisse deuten also darauf hin, dass das Reisen die Sportler*innen auf eine Art belastet, die zu messbaren Konsequenzen für Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden führt. Dieser Aspekt sollte in der sportpsychologischen und sportmedizinischen Betreuung sowie in der Forschung mehr Beachtung finden.

Sports, Medicine and Health Summit 2023

Der Sports, Medicine and Health Summit findet vom 22. bis 24. Juni 2023 in dem neuen Congress Center Hamburg statt. Betreuungsteams von Athlet*innen treffen hier auf Wissenschaftler*innen unter anderem aus Sportmedizin, Sportpsychologie, Trainingswissenschaft und Physiotherapie. So wird der Summit DER Ort für einen konstruktiven Austausch der verschiedenen Berufsgruppen sowie Diskussionen unter anderem zu den Auswirkungen von Reisen auf die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden von Leistungssportler*innen und Breitensportler*innen.

Artikel geschrieben von: Hanna Zimmel

Literatur

Beckmann, N. (2021). Statistical influence of travelling distance on home advantage over 57 years in the men’s German first soccer division. German Journal of Exercise and Sport Research. https://doi.org/10.1007/s12662-021-00787-7
Calleja-González, J., Marques-Jimenez, D., Jones, M., Huyghe, T., Navarro, F., Delextrat, A., Jukic, I., Ostojic, S. M., Sampaio, J. E., Schelling, X., Alcaraz, P. E., Sanchez-Bañuelos, F., Leibar, X., Mielgo-Ayuso, J., & Terrados, N. (2020). What are we doing wrong when athletes report higher levels of fatigue from traveling than from training or competition? Frontiers in Psychology, 11, 194. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.00194
Goumas, C. (2014). Tyranny of distance: Home advantage and travel in international club football. International Journal of Performance Analysis in Sport, 14(1), 1–13. https://doi.org/10.1080/24748668.2014.11868698
Thornton, H. R., Miller, J., Taylor, L., Sargent, C., Lastella, M., & Fowler, P. M. (2018). Impact of short- compared to long-haul international travel on the sleep and wellbeing of national wheelchair basketball athletes. Journal of Sports Sciences, 36(13), 1476–1484. https://doi.org/10.1080/02640414.2017.1398883