Sports, Medicine and Health Summit | 22. - 24. Juni 2023 I CCH Hamburg
Bewegung bei hypertropher Kardiomyopathie

Verordnung und Dosierung von Bewegung bei Patient*innen mit hypertropher Kardiomyopathie: ein Rezept für Bewegung!

Die Vorteile körperlicher Aktivität für die Gesundheit sind hinlänglich bekannt. Regelmäßige körperliche Aktivität hat positive Effekte auf das Herzkreislaufsystem, verbessert die Lebensqualität und verringert die Sterblichkeit. 

Den Autor*innen einer aktuellen Studie zufolge, wird Patient*innen mit hypertropher Kardiomyopathie zum Teil jedoch von Medizinern davon abgeraten, sich körperlich zu betätigen. Eine hypertrophe Kardiomyopathie zeichnet sich durch eine Verdickung des Herzmuskels aus, in der Regel des linken Ventrikels. Primäre Kardiomyopathien entstehen direkt im Herzmuskel und haben in vielen Fällen einen genetischen Ursprung, sekundäre Kardiomyopathien hingegen entstehen als Folge von Erkrankungen. Eine individuelle Verschreibung von Bewegung bei dieser Patientengruppe ist eher die Ausnahme als die Regel. Infolgedessen sind diese Patient*innen im Durchschnitt weniger aktiv und verbringen deutlich weniger Zeit mit körperlicher Betätigung als die Allgemeinbevölkerung.

Herzprobleme

Der Grund für zögerliche Empfehlung zur körperlichen Aktivität bei Patient*innen mit hypertropher Kardiomyopathie ist das Risiko lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen nach intensiver körperlicher Belastung, die einen plötzlichen Herztod auslösen können. So ist bei jungen Menschen (unter 30 Jahren), vor allem bei Leistungssportler*innen, die hypertrophe Kardiomyopathie die häufigste Ursache für einen plötzlichen Herztod. Trotz dieses Risikos, können Patient*innen mit hypertropher Kardiomyopathie aber durchaus von den positiven Auswirkungen regelmäßiger moderater körperlicher Betätigung profitieren

Aus diesem Grund haben Cavigli und Kolleg*innen ein Review verfasst, das die vorhandenen Erkenntnisse zum Nutzen und zu den Gefahren körperlicher Betätigung bei Patient*innen mit Kardiomyopathie zusammenfasst. So kann die Autorengruppe evidenzbasierte und praktikable Modalitäten für eine maßgeschneiderte und sichere Verschreibung von Bewegung darlegen (Cavigli et al., 2020). 

Zunächst stellt die Autorengruppe fest, dass körperliche Betätigung bei Patient*innen mit hypertropher Kardiomyopathie wie ein Medikament verordnet und abgewogen werden muss, wobei die individuellen Merkmale, die Symptome, die Krankengeschichte, das subjektive Ansprechen auf körperliche Betätigung, die bisherige Trainingserfahrung und das Krankheitsstadium zu berücksichtigen sind. Art, Häufigkeit, Dauer und Intensität des Trainings sollten individuell festgelegt werden.

Bei der Verordnung von Bewegung sind einige Kontraindikationen zu beachten. Manche Patient*innen weisen bestimmte krankheitsspezifische Merkmale auf, die eine Kontraindikation darstellen, also eine Verordnung von körperlich-sportlicher Aktivität verbieten. Darunter fallen eine medizinische Vorgeschichte von Synkope/Hypotonie (Ohnmacht/geringer Blutdruck), die während Anstrengung auftritt, sowie klinisch relevante Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) insbesondere während Anstrengung, eine Obstruktion (Verengung) des Ausflusskanals des linken Ventrikels ≥ 50mmHg Gradient in Ruhe oder während der Aktivität, eine akute Herzinsuffizienz in der jüngeren Vergangenheit und eine ausgedehnte späte Gadolinium-Anreicherung (spezielle Veränderungen im MRT) im linken Ventrikel. Eine Belastungsechokardiographie ist daher zum Nachweis möglicher Kontraindikationen von besonderer Bedeutung für eine sichere Verschreibung von körperlicher Aktivität.

Frau beim Joggen

Die Autorengruppen empfiehlt folgende Bewegungsverschreibung bei hypertropher Kardiomyopathie:

Häufigkeit und Dauer
  • Patient*innen sollten zwischen 150 und 300 Minuten (2,5 – 5 Stunden) pro Woche niedrig bis moderat intensives Ausdauertraining an 3 bis 5 Tagen pro Woche machen.
  • Jede Bewegungseinheit sollte mit einem ca. 5-minütigen Warm-up und Cool-down beginnen und enden.
  • Übungen zur Stärkung der Muskulatur aller Hauptmuskelgruppen sollten bei niedriger bis moderater Intensität an 2 Tagen pro Woche durchgeführt werden.
  • Mobilitätstraining sollte mindestens 2 bis 3 Mal pro Woche durchgeführt werden (z.B. 10 bis 20 Sekunden, 4 Mal Dehnen pro Muskelgruppe)
Intensität
  • Für Ausdauertraining wird eine niedrige bis moderate Intensität (Borg Skala: 11 bis 13) empfohlen, also ein Training, das sich subjektiv „leicht“ bis „anstrengend“ anfühlt. Dabei sollte der Fokus mehr auf dem Trainingsumfang als der Intensität liegen.
  • Beim Krafttraining sollte die Intensität 40 bis 70% des One-Repetition-Maximum (1-RM) entsprechen. 1-RM bedeutet das maximale Gewicht, das eine Person nur ein einziges Mal in einem Bewegungsbereich bewegen kann. Die Übung sollte jedoch immer beendet werden, bevor eine weitere Wiederholung schwierig auszuführen wird.
Progression (Steigerung) 
  • Häufigkeit: Es wird empfohlen mit einer Trainingseinheit pro Woche zu starten. Wenn der/die Patient*in daran gewöhnt ist, kann das Training auf 2 Mal wöchentlich gesteigert werden. Eine optimale Häufigkeit von 3 bis 4 Mal pro Woche Ausdauertraining sollte angestrebt werden.
  • Dauer: Das Ausdauertraining sollte mit 10 bis 30 Minuten begonnen werden und jede Woche um 10 Minuten gesteigert werden, um innerhalb von 3 bis 4 Wochen auf das optimale Trainingsvolumen zu kommen – wobei immer auf das Befinden des/der Patient*in zu achten ist.
  • Intensität: In den ersten 3 bis 4 Wochen ist eine niedrige Intensität empfehlenswert. Zunächst sollte der Umfang (also Häufigkeit und Dauer) erhöht werden, bevor auch die Intensität gesteigert werden sollte. Diese Steigerungen sollten immer die individuelle Leistungsfähigkeit des/der Patient*in, seine/ihre bisherige Erfahrung mit Bewegung, Alter und klinische Aspekte mit einbeziehen. Der/Die Patient*in sollte bei Widerstandstraining mit 1 bis 3 Sets à 8 bis 10 Wiederholungen beginnen, die mit langsamer bis moderater Geschwindigkeit durchgeführt werden (ein Set sollte ca. 40 Sekunden dauern). Wöchentlich kann dann je nach Adaptation des/der Patient*in die Intensität angepasst und gesteigert werden.

Artikel geschrieben von: Laura Bischoff & Hanna Zimmel