Active City

Was macht eine Stadt zur Global-Active-City?

Hamburg ist eine von sechs Städten weltweit, die sich mit dem Label „Global-Active-City“ schmücken darf.


In der Freien und Hansestadt Hamburg wird dem Sport seit Jahren eine große Bedeutung beigemessen. „Mehr Menschen kommen in unsere Stadt. Für all diese Neu-Hamburgerinnen und Neu-Hamburger brauchen wir nicht nur Wohnungen, Kitas, Schulen und Jobs. Wir brauchen auch Parks und Spielplätze, Sporthallen und -anlagen. Denn eines unserer wichtigsten Ziele bleibt, dass in der wachsenden Stadt auch die Lebensqualität wächst“, heißt es im Vorwort des aktuellen Hamburger Sportberichts von Andy Grote, dem Senator für Inneres und Sport. Und kaum etwas schaffe mehr Lebensqualität als Sport und Bewegung.

Vor vier Jahren, im November 2015, hat eine knappe Mehrheit der Hamburger Bevölkerung gegen die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele gestimmt. Seitdem hat der Senat die im Rahmen der Bewerbung entwickelten Ideen zum Ausbau und zur Modernisierung der (Sport)Infrastruktur der Stadt jedoch nicht aufgegeben. Im Gegenteil: Es wurde der „Masterplan Active City“ beschlossen, der 32 Projekte aus der Olympia-Planung umsetzen soll.

Der Senat treibt also die Stadtentwicklung voran und verknüpft diese dabei geschickt mit den Themengebieten Bewegung, Sport, Gesundheit und Lebensqualität. Denn ähnlich wie viele andere Großstädte weltweit, wächst Hamburg.Bis zum Jahr 2035 wird die Hansestadt Vorhersagen zufolge etwa zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner umfassen. Mit dem Zuwachs an Menschen, wächst der Bedarf an Infrastruktur—auch an urbanen Bewegungsräumen. Die von Senator Grote erwähnte Verbindung von Stadt, Sport bzw. Bewegung und Gesundheit sowie Lebensqualität ist dabei nicht zufällig. Es ist wissenschaftlich gut untersucht, dass die Umgebung, in der Menschen leben und arbeiten, einen Einfluss auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden hat. Dieser Zusammenhang wird durch viele Faktoren wie Ernährung, Zigaretten- und Alkoholkonsum, durch zunehmende Luftverschmutzung, —aber auch durch Bewegungsmangel beeinflusst. Tatsächlich zeigen diverse Studien, dass Menschen, die in Großstädten leben, im Durchschnitt weniger gesund und weniger körperlich aktivsind (siehe z.B. hier und hier). Grundsätzlich ist die Studienlage zu der Bedeutung ausreichender körperlicher Aktivität für die Gesundheit eindeutig. So sagt Prof. Hollmann, Sportmediziner und Ehrenpräsident des Weltverbandes für Sportmedizin (FIMS):  „Wenn es eine Pille gäbe, welche die Eigenschaften von individuell angepasstem, körperlichen Training vom Kindes- bis ins Greisenalter, in sich vereinigen würde— mit welch großartiger Dramaturgie würde wohl ein solches Medikament gefeiert werden?“

Die Gründe für den dennoch vorherrschenden Bewegungsmangel vieler Bürgerinnen und Bürger zu untersuchen ist eine komplexe Aufgabe. Zugänge zu Bewegungsräumen spielen aber ohne Zweifel eine wesentliche Rolle.

Wie soll beispielsweise ein Kind mit dem Fahrrad zur Schule fahren, wenn der Weg dorthin nicht mit Fahrradwegen ausgestattet ist? Wie soll eine berufstätige Frau nach der Arbeit Handball spielen, wenn es keine Sportvereine mit Handballmannschaften in der Umgebung gibt? Sicher gibt es für beide Probleme Lösungen. Das Kind kann auch über die Straße fahren, die Frau auch Kilometer weit zum nächsten Handballverein—die Vermutung liegt aber nahe, dass sich die Beiden unter diesen Umständen gegen Sport und Bewegung entscheiden. Städte müssen also so geplant werden, dass genügend Raum und Zugangswege für Bewegung und Sport geschaffen und so den Bürgerinnen und Bürgern gesundheitsförderliches, aktives Verhalten ermöglicht wird.

So heißt auch das erste Dekadenziel aus dem aktuellen Hamburger Sportbericht „SPORTmachtSTADT“ und zielt darauf ab, neue Bewegungsräume zu schaffen sowie vorhandene möglichst effizient zu nutzen. Als Vorzeigeprojekt dient hier der sogenannte Masterplan für den neuen Hamburger Stadtteil Oberbillwerder. „Der Masterplan für Oberbillwerder ist ein Quantensprung in der Stadtentwicklung durch Sport und ein absolutes Novum: Erstmals werden Bewegung und Gesundheit bei den Planungen von der ersten Minute an mitgedacht. Als Modellstadtteil ‚Active City‘ ist der Sport ein wegweisendes Identitätsmerkmal, das den Charakter dieses Quartiers maßgeblich prägen und so zur Lebensqualität beitragen wird“, sagt der Sportsenator zu dem Projekt (hier erfahren Sie mehr zum Masterplan Oberbillwerder).

Die Projekte, die die Hansestadt seit der gescheiterten Hamburger Olympia Bewerbung umgesetzt hat, gehen über den Ausbau von Infrastruktur hinaus. Sie beinhalten auch die Ausrichtung von Sportgroßereignissen wie kürzlich die Beachvolleyball Weltmeisterschaft, den Triathlon, Hamburg Marathon und die Cyclassics,sowie neben der Förderung des Breitensports auch die gezielte Förderung des Spitzensports. Am letzten Wochenende wurde auch die Active-City-App sowie die neue Webseite activecity.hamburg.de freigeschaltet. Über die App und die entsprechende Internetseite sollen die vorhandenen Sportangebote allen Hamburgerinnen und Hamburgern bekannt gemacht werden.

Global Active City

Die Bemühungen des Senats Stadtentwicklung, Sport und Gesundheit gemeinsam zu denken, sind vorbildlich und — in Hinblick auf die demographischen Herausforderungen der Zukunft — von besonderer Relevanz. Das sieht auch die globale „Active Well-being Initiative“ (AWI) so (hier erhalten Sie mehr Informationen zu der Initiative). Die non-profit Organisationen EVALEO und TAFISA, der Weltverband für Breitensport, haben die Initiative im Jahr 2017 in der Schweiz gegründet. Die „Active Well-being Initiative“ hat sich zum Ziel gemacht, Städte bei der Gesundheitsförderung — insbesondere bei der Bewegungsförderung — ihrer Bevölkerung zu unterstützen. Sie führten das Label „Global Active City“ ein, das über einen Zertifizierungsprozess einer unabhängigen Schweizer Organisation Städte auszeichnet, die besonders engagiert und erfolgreich Bewegungsförderung forcieren.

So waren im Rahmen dieses Zertifizierungsprozess mehrfach Evaluierungskommissionen zu Gast in Hamburg. Unter Beteiligung der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, der Handelskammer Hamburg, dem Verein Parksportinsel e. V., der Hafencity GmbH, der IBA, des Hamburger Sportbundes e. V., des Eimsbütteler Turnverbands e. V. sowie des FC St Pauli e. V. wurden die sportfachlichen und sportpolitische Ansätze der Schweizer Kommission präsentiert.  Neben zahlreichen Projekten aus dem Masterplan Active City stellten die Hamburger Fachleute auch den „Musterstadtteil Active City“ in Oberbillwerder vor.

Am 06. Oktober 2018 wurden die Bemühungen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg schließlich belohnt. Sie wurden als eine von ingesamt sechs Städten weltweit — neben Buenos Aires (Argentinien), Lillehammer (Norwegen), Liverpool (England), Ljubljana (Slowenien) und Richmond (Canada) — ausgezeichnet als „Global Active City“.

Sports, Medicine and Health Summit 2020

Im Rahmen des interdisziplinären Summits soll, über bewegungstherapeutische Ansätze und sportmedizinische Behandlungen hinaus, ein übergeordneter Blick eingenommen werden. Es sollen die Möglichkeiten einer Stadt zur Förderung der Gesundheit ihrer Einwohnerinnen und Einwohner diskutiert werden. So können Verhältnisse geschaffen werden, die gesundheitsförderliches Verhalten Einzelner erleichtern und eine Stadt besonders lebenswert machen. Hamburg geht hier als zertifizierte „Global-Active-City“ mit gutem Beispiel voran und bietet somit eine geeignete Vorlage, um über gesundheitsfördernde Städte, urbane Bewegungsräume, Stadtplanung und gesunde und selbstbestimmte Bürgerinnen und Bürger —aber auch über notwendigen Voraussetzungen, Chancen sowie Hürden zu sprechen. Aus diesem Grund übernimmt der erste Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher die Schirmherrschaft des Sports, Medicine and Health Summit im Oktober 2020. Auch Andy Grote, Senator für Inneres und Sport, stellt in einem aktuellen Interview im Hamburger Abendblatt die Bedeutung des wissenschaftlichen Kongresses heraus, bei dem Experten aller Fachrichtungen und aus allen Teilen der Welt über Strategien zur Bewegungsförderung referieren werden (lesen Sie das Interview hier).

Der Artikel wurde geschrieben von: Laura L. Bischoff